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23.10.2020

RBN beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Hersteller und Vertriebsfirmen dem steigenden Wunsch der Kunden nach umweltfreundlichen Display Mannequins nachkommen. Lesen Sie in dieser Woche Teil I unseres Beitrags.

Das Bewusstsein für umweltfreundliche Materialien, ressourcenschonende Herstellung und Transparenz hinsichtlich Produktionsmethoden und Lieferketten hat in den vergangenen Jahren in vielen verschiedenen Branchen und Industriezweigen stark zugenommen. Und so sieht sich auch die Schaufensterfiguren-Industrie zunehmend der Herausforderung gegenüber, den Wunsch der Kunden nach nachhaltigen Produkten zu erfüllen. „Natürlich ist dieser Wandel auch in der Figuren-Branche deutlich spürbar. Darum haben wir schon vor vielen Jahren begonnen, an alternativen Materialien zu forschen“, erklärt Andreas Gesswein, CEO des Mannequin-Herstellers Genesis Display. So ist es seinem Unternehmen beispielsweise gelungen, einen großen Teil des Polyesters durch hochwertiges Bioharz zu ersetzen, welches von DuPont Tate & Lyle Bio Products entwickelt wurde. „Genesis hat als einzige Figurenfirma weltweit das Recht, DuPont Tate & Lyle als Quelle zu nennen. Das spricht für eine lange und vertrauensvolle Zusammenarbeit“, so Andreas Gesswein weiter.

Wie weit ist die Entwicklung innerhalb der Mannequin-Branche?

Was vor ein paar Jahren innerhalb der Branche also noch als nicht priorisierte Zusatzanforderung galt, wird aktuell zunehmend zum Must-Have für Unternehmen – „Mannequins müssen recycelbar sein“, weiß Tristan Arbter von IRW Germany. Deren langjähriger Partner IDW stellt seit 1997 im litauischen Vilnius Schaufensterfiguren aus Polystyrene her und war laut Tristan Arbter eines der ersten Unternehmen, das bereits bei der Herstellung mit bis zu 40% recyceltem Rohmaterial arbeitet. „Der Herstellungsprozess mit Hilfe eines Blasformverfahrens ist sauberer und schneller als die Herstellung mit Glasfaser. Unser Ansatz, den wir für branchenführend halten, hat sich im Laufe der letzten Jahre kontinuierlich weiterentwickelt“, erläutert der IRW Bereichsleiter.

Und auch beim traditionsreichen italienischen Familienunternehmen Bonaveri weiß man um die steigende Bedeutung ökologischer Themen und die damit verbundene Verantwortung: „Als Hersteller müssen wir uns dazu verpflichten, ein langlebiges Produkt anzubieten, angepasst an die sich verändernden Bedürfnisse der Modeindustrie. Es versteht sich, dass wir uns weiterhin der Qualität verpflichtet fühlen und das Streben nach Nachhaltigkeit ermöglichen, indem wir daran arbeiten, unsere Umweltauswirkungen zu reduzieren.“

Etwas weniger optimistisch äußert sich Nico Bonami, Gründer und Eigentümer des gleichnamigen Figurenherstellers aus Belgien über die grundlegende Situation innerhalb des Industriezweigs: „Wir sehen leider nicht so viel Bewegung innerhalb der Branche, denn der Preis ist immer noch ein ganz entscheidender Faktor. Die meisten klassischen Schaufensterfiguren werden nach wie vor aus Fiberglas, PVC oder PU hergestellt, einem weder besonders gesunden noch sauberen Produktionsprozess.“ Aus diesem Grund hat Bonami in der der Vergangenheit nach eigenen Angaben sehr viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit betrieben, um an einem Produkt zu arbeiten, das gut für die Kunden und für die Umwelt ist. „Wir sind davon überzeugt, dass die Kombination aus ansprechendem Design, perfekter Passform und 100% recycelbar, der richtige Weg ist, um den Markt zu überzeugen“, versichert Nico Bonami.

Thomas Wimmer von Wissler Mannequins Vertriebs GmbH stuft „Grüne Mannequins“ derzeit immer noch als Nischenprodukt ein. „Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit spielen in unserer Branche eine Rolle, wenngleich die Lösungsansätze derzeit noch überschaubar sind. Der überwiegende Anteil an Herstellern setzt nach wie vor auf Figuren aus Fiberglas, die aus Asien geliefert werden“, so die Einschätzung des Managing Directors Sales Marketing, der hinzufügt: „Auf der EuroShop in Düsseldorf wurden zwar einige umweltfreundliche Modelle vorgestellt, allerdings halte ich den tatsächlichen Marktanteil derzeit noch für gering.“ Für Wissler gilt deshalb: „Auch wir wollen zum einen mit recycelbaren bzw. recycelten Materialien arbeiten und zum anderen kurze Lieferwege garantieren. Erst wenn wir eine marktreife Lösung haben, werden wir die ersten Produkte launchen.“

Die Verwendung umweltfreundlicher Materialien allein reicht nicht aus

Auch für Holger Kressin, Inhaber von Ästhetik & Design The Mannequin House, geht es in diesem Zusammenhang um mehr als nur darum, mit „grünen“ Materialien zu produzieren. „Nach unserem Verständnis von Nachhaltigkeit müssen hierfür auch die Arbeitsbedingungen der Menschen vor Ort, die Entlohnung, die Entsorgung der Produktionsrückstände, der Transport der Waren und vieles mehr berücksichtig werden.“ Je weiter all die genannten Faktoren vom Einsatzort der fertigen Produkte entfernt seien, desto problematischer stelle sich nach Auffassung Holger Kressins das Thema Nachhaltigkeit dar. Die von seiner Firma angebotenen Figuren, Büsten und Accessoire Displays würden von den Partnerunternehmen vor Ort in Italien gefertigt und seien deshalb alles andere als billige „fast fashion“-Artikel für den kurzen Einsatz.

Auch bei IRW Germany versucht man deshalb nicht nur den Anteil an bereits recyceltem Rohmaterial zu steigern, sondern auch die verwendeten Materialien lokal zu beziehen und dadurch den CO2-Fußabdruck zu reduzieren, indem der Transport auf ein Minimum beschränkt wird. „Als einer der wenigen Anbieter mit Produktion in Europa sehen wir uns […] hinsichtlich des Wunsches unserer Kundschaft nach Nachhaltigkeit und kurzen Lieferwegen und somit auch Lieferzeiten gut aufgestellt“, ist sich Tristan Arbter sicher.

Mit innovativen Materialien in die Zukunft

Die Corona-Pause nutzen, um verstärkt an Alternativmaterialen zu forschen – das war der Ansatz von Genesis Display im Verlauf dieses ungewöhnlichen Jahres. Aufgrund der „steigenden Nachfrage nach alternativen Materialien und nachhaltigen Lösungen für den Retail“ hat das Unternehmen mit Sitz in Niedersachsen das Label BionicV® ins Leben gerufen. „Mit diesem neuen Label reagieren wir auf die Entwicklung und stellen ein Material vor, das Glasfaser ersetzen kann“, bestätigt CEO Andreas Gesswein und hebt die Vorteile der Schaufensterfiguren aus Viskosefasern mit Bio-Harz hervor: „Sie sind besonders langlebig, flexibel und schlagzäh. Dadurch werden die hohen Qualitätsstandards, die hier bei Genesis gelten, erheblich verbessert.“

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das belgische Familienunternehmen Bonami mit seinem eigens entwickelten Material Bonplast™, das von Nico Bonami als besonders leicht und stabil beworben wird. Dennoch, so der Firmeninhaber, sei man in Sachen Preis absolut wettbewerbsfähig. „Wir wollen unsere ökologische Verantwortung ernst nehmen, deshalb wollen wir auch investieren und dafür sorgen, dass der Preis niedrig bleibt.“ Laut Bonami sei es beispielweise möglich, die Figuren der neuen Serie „Future Mannequin“ komplett zu recyceln, um daraus neue Mannequins, oder andere Objekte wie Kleiderhaken, Möbel und Design-Objekte herzustellen.

Dass man auch im Hause Bonaveri schon seit einigen Jahren mit Nachdruck an umweltfreundlichen Alternativmaterialien arbeitet, bestätigen die Geschäftsführer Guido und Andrea Bonaveri. „Im Jahr 2012 starteten wir ein ehrgeiziges Forschungsprojekt, dessen Ziel es war, die CO2-Emissionen und die Umweltauswirkungen unserer Arbeit zu reduzieren. Das Ergebnis war die erste biologisch abbaubare Figur der Welt, die aus erneuerbaren Quellen erzeugt wurde. Mit den Schaufensterfiguren BNatural aus B Plast®, einem biobasierten Polymer, das zu 72% aus Zuckerrohrderivat besteht und mit BPaint®-Farben behandelt wurde, einer Reihe von Farben, die ausschließlich mit Pigmenten und natürlichen Lösungsmitteln hergestellt werden, haben Modemarken die Möglichkeit, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern und gleichzeitig eine zunehmend zirkuläre und nachhaltige Wirtschaft zu fördern“, so das Versprechen der Söhne von Firmengründer Romano Bonaveri.

Was Sie im zweiten Teil unseres Berichts erwartet

Eine Menge verschiedener Ansätze, um die Herstellung von Schaufensterfiguren in Zukunft nachhaltig und ökologisch verantwortungsvoll zu gestalten und nicht nur kurzfristig auf den Zug aufzuspringen, weil „das Thema Nachhaltigkeit gerade en vogue ist“ (Holger Kressin).

Im zweiten Teil unseres Berichts über „Nachhaltigkeit in der Schaufensterfiguren-Branche“, den wir in der nächsten Woche veröffentlichen werden, geht es deshalb neben den aktuellen Herausforderungen durch Covid19 auch um das Thema „Greenwashing“ innerhalb der Figurenindustrie.

 

Beitragsbild: Genesis Display

Helmut Lippl