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30.07.2020

„Trendbeschleuniger Corona“ – Welche Auswirkungen werden die vergangenen Monate langfristig auf den Retail haben? Dazu ein RBN-Gespräch mit Silvio Kirchmair, CEO umdasch The Store Makers.

 

Retailbrandnews: Herr Kirchmair, wie haben Sie persönlich die vergangenen Monate erlebt?

Silvio Kirchmair: Die Ereignisse waren anfangs ein enormer Schock für uns als Unternehmen. Wir haben gesehen, dass all unsere Märkte großen Schaden erleiden können – und das gleichzeitig. Insbesondere Mitte März waren wir ziemlich pessimistisch gestimmt. In den darauffolgenden Wochen hatten wir die Möglichkeit, uns auf diese außergewöhnliche Situation einzustellen. Es kam zu Verschiebungen von Prioritäten und Wertigkeiten bei den Händlern: Wenn es allen gut geht, ist die Veränderungsbereitschaft gering – in der Krise ist sie deutlich höher.

Relativ rasch erkannten wir, dass das umfangreiche Branchen- und Kompetenzportfolio für umdasch The Store Makers von immenser Bedeutung ist. Die Agilität der schlagkräftigen Teams hat nicht nur mir imponiert. Wir haben in kürzester Zeit Produkte, wie die Hygiene Stationen, digitale Kundenstrommanagement-Systeme sowie den UV-C Fitting Room entwickelt und rasch auf Nachfrage-Veränderungen reagiert. Den Bereich des General Contractings mussten wir sogar um zusätzliches Personal aufstocken, während es in anderen Segmenten erforderlich war Einsparungen zu treffen.

 

RBN: Stichwort: „Trendbeschleuniger Corona“. Welchen Tenor gab es bei jüngsten Gesprächen mit Kunden und Kollegen?

Kirchmair: Die Pandemie hat viel verändert. Im Sinne einer „Neuen Normalität“ werden uns die Einschnitte noch lange beschäftigen. Der Onlinehandel hat sprunghaft Marktanteile gewonnen und wird sein Wachstum auf diesem höheren Niveau fortsetzen. Branchen, die etwa mit der Reisetätigkeit der Menschen zu tun haben, wie das Duty-Free-Geschäft und die eng verwobene Luxusgüterindustrie, werden auf längere Zeit beeinträchtigt sein. Andere Branchen, vor allem die Segmente „Wohnen“ und „Leben“, sind in der Bedürfnispyramide der Menschen deutlich nach oben gestiegen. Die Aktionsradien der Konsumenten wurden kleiner und werden das auch vorläufig bleiben. So wird für das unmittelbare Umfeld wieder mehr Geld ausgegeben.

Ergänzend erleben wir eine stärkere Regionalisierung: Kunden kaufen wieder lokaler ein. Innerhalb Europas geht dies sogar in Richtung eines neuen Nationalbewusstseins. Corona wirkte hier ganz klar als Trendbeschleuniger, während wichtige Megatrends wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz meiner Meinung nach kurzfristig an Relevanz verloren haben. Nicht zuletzt stieg das Bedürfnis nach Sicherheit – die Frage unserer Kunden lautet daher vielmals, wie das Einkaufserlebnis trotz Abstand und Masken bewahrt oder sogar gesteigert werden kann.

 

RBN: Die EuroShop 2020 scheint Lichtjahre entfernt zu sein. Welche dort präsentierten Trends leben aus Ihrer Sicht weiter?

Kirchmair: Man muss ganz klar zwischen kurzfristigen Trendverschiebungen und langfristigen Veränderungen durch Covid-19 unterscheiden: Nachhaltigkeitsaspekte sind für manche Konsumenten und Händler zurzeit nachrangig, werden aber mit Sicherheit bald wieder höhere Bedeutung erlangen. Ähnliche Entwicklungen sehe ich bei digitalen Lösungen am Point-of-Sale: Investitionen in digitale Erlebnisse in Stores sind für die künftige Customer Experience unerlässlich. Befeuert wurden zusätzlich alle Prozesse, welche dem Personal mehr Zeit für ihre Hauptaufgabe, die Beratung und den Verkauf, geben. Wir sehen eine noch stärkere Bewegung hin zu Electronic Shelf Labeling (ESL) und technische Automatisierung für jene Prozesse, die im Hintergrund der Stores laufen. Kurz gesagt: Automatisierung kommt zurzeit vor Atmosphäre.

Aber nun zu einem Trend, der eindeutig weiterlebt. Auf der EuroShop zeichnete sich bei unseren Kunden und Gesprächspartnern eine Präferenz für zentrale Ansprechpartner bei ihrer Projektumsetzung ab. In unserem Geschäft beobachten wir seit dem Lockdown eine starke Tendenz zu „Alles aus einer Hand“. Mit weniger Ansprechpartnern und Schnittstellen punktet unser General Contracting-Angebot eindeutig. Eine weitere Beobachtung: Einheitliche Store-Rollouts über Regionen und Länder nehmen ab. Einerseits wegen der fehlenden Investitionsbereitschaft, andererseits, weil das Ladenbild an das Lokalkolorit angepasst werden soll. Mit unseren Inhouse-Designern sind wir hier seit jeher gut aufgestellt und treffen den Zeitgeist. Und schließlich sind ganz neue Themen dazugekommen: Etwa Kleidung, die nach der Anprobe desinfiziert werden muss. Die Umkleidekabinen gewinnen an Bedeutung, sowohl was die Fläche als auch die Technologie betrifft.

 

RBN: Vielen Dank, Herr Kirchmair, für das interessante Gespräch.

 

Fotos: Umdasch

HL