This post is also available in: EN

13.09.2021

Ein RBN-Gespräch mit Jens Herzig, CEO von lovely sisters, zum gleichnamigen, neuen Fashion Start up.

Retailbrandnews: Mit Ihrem Fashion Start-up „lovely sisters“ wollen Sie im Modehandel durchstarten. Wie soll das nach der Pandemie und den schwierigen Rahmenbedingungen sowie in einem derzeitigen heißumkämpften Modemarkt gelingen?

Jens Herzig: Meine und jüngere Generationen mussten bis dato keine Krisen bewältigen und somit auch nichts neu aufbauen. Insofern mag der Zeitpunkt und die Branche auf viele befremdlich wirken. Wir sehen beides als Chance!

In meiner Wahrnehmung sind die handelnden Personen unserer Zeit oft mit Veränderungen
überfordert. Als Bewahrer des Status Quo vergangener Generationen fällt es uns
offensichtlich sehr schwer, neue Dinge zuzulassen oder mit der Bereitschaft unbekanntes
Terrain betreten zu wollen, spontan und mutig neue Wege zu gehen.

Die Kluft zwischen jenen, die nur reden, andere belehren und sich permanent bemühen, die eigene Einstellung verkrampft als „hip“ zu generieren und anderen, die praktisch anpacken, anecken, notwendige Entscheidungen fällen und Verantwortung auch für Fehlentscheidungen
übernehmen, wird immer größer. Das zeigt mir zum Beispiel der hilflose Umgang mit Themen
wie dem Klimawandel oder anderen nationalen und internationalen Herausforderungen. Wir
sind als Gesellschaft inzwischen mehr damit beschäftigt, uns über Ursachen wund zu
diskutieren, Schuldige zu suchen und mit dem Finger auf andere zu zeigen, statt Probleme
anzugehen und zu lösen.

Wir bei lovely sisters sind ein bunter Haufen aus erfahrenen Menschen, die in der
Vergangenheit selbst genug Fehler begangen haben. Wir sind der Überzeugung, dass die
Fehler, die in der Textilbranche seit Generationen gemacht werden, nicht dadurch
automatisch auch für die Zukunft legitimiert werden sollten. Wir glauben, dass sich
unglaubliche Potentiale auftun, wenn man nur einen Bruchteil der Erfahrungsgefängnisse im
Kopf, beispielsweise bezüglich Lieferrhythmen, Nachhaltigkeit, Flächenbewirtschaftung,
Zielgruppenbekenntnis, Ehrlichkeit, Authentizität und Partnerschaft, angeht. Außerdem
ergeben sich in einem sich bereinigenden Markt immer Chancen. Man muss nur die
Einstellung, den Mut und den Willen haben, diese auch erkennen und nutzen.

RBN: Nach Ihren Worten sprechen Sie mit „lovely sisters“ die Zielgruppe der „erwachsenen Frau“ an. In diesem Segment gibt es aber schon so renommierte Labels wie Marc Cain oder Luisa Cerano. Ist hier die Konkurrenz nicht übermächtig und mit welcher Strategie möchten Sie
hier Marktanteile erobern?

Herzig: Wenn Sie in einer Welt leben, in der Sie davon ausgehen dürfen, dass jeder Endkonsument das Portemonnaie mitbringt, sich diese Marken leisten zu können, haben Sie recht. Marc Cain und Luisa Cerano gehören dem Premium-Segment an und bedienen mit tollen Produkten eine Nische, die sich im Wesentlichen über die Kaufkraft der angesprochenen Zielgruppe definiert.

lovely sisters ist dagegen eine neue, progressive und vertikal integrierte Womenswear-Marke
im gehobenen Mainstream Segment und für Frauen im letzten Drittel ihres Berufslebens.
Unsere „lovely sisters“ teilen eine bewegte Vergangenheit. Sie waren schon auf
Friedensdemos, sind auf Konzerte zu Depeche Mode oder U2 gegangen, haben gefeiert und
sich für Frauenrechte eingesetzt.

Wir stehen für Ecken und Kanten, altersunabhängige Frauenpower, Neugierde und Leichtigkeit. Sowie für zeitlose, seasonless Styles zu einer indiskutabel hohen Qualität. lovely sisters verbindet alte Stärken wie Passform, Qualität und Preis/Leistung „gesetzter“ Marken mit dem Modegrad vermeintlich „jüngerer“ Anbieter. Wir entwickeln inspirierende und casual orientierte Coordinates Kollektionen für selbstbewusste Frauen im letzten Drittel ihres Berufslebens. Qualität, ein hoher Modegrad und Passformsicherheit Größe bis 48 gehören nahtlos zu unserer DNA.

RBN: Wie würden Sie die Besonderheit des neuen Modelabels „lovely sisters“ beschreiben?

Herzig: Wir verstehen uns als Teil einer weiblichen Community und zeigen Frauen, dass sie schon immer cool, engagiert und selbstbewusst waren. Wir stärken Frauen in ihrer natürlichen
Selbstverständlichkeit. Wir produzieren nur so viel, wie es die Kundennachfrage verlangt.
Nachhaltigkeit und Transparenz sind für uns genauso selbstverständlich wie Gleichberechtigung und das Empowerment aller Menschen.

RBN: Lovely sisters versteht sich als Teil einer weiblichen Community, die cool, engagiert und
selbstbewusst ist. Wie transportieren Sie diese Eigenschaften in das Label und deren
Umsetzung im Handel?

Herzig: Ganz einfach, wir interessieren uns in erster Linie für unsere Zielgruppe und ihre Belange. Wir verleugnen Sie nicht. Wir kreieren also keine Werbekampagne um eine pseudo „hippe“ Wunschkundin herum, die wir uns erst einmal ausdenken, um dann darüber nachzudenken, wie man sie erreicht, um sich als Marke mit ihr zu schmücken.

Deswegen arbeiten wir auch nicht mit 23-jährigen Models in Size Zero. Wir wollen unsere Kundin weder langweilen, noch für dumm verkaufen. Unsere Frauen haben viel erlebt. Sie sind spannend, weil Sie es schon immer waren. Erfahrung macht sexy!

Die Kollektion und die Werbung von lovely sisters soll genauso authentisch sein, wie unsere Kundin selbst, denn nur dann fühlt sie sich ernst genommen. Deswegen arbeiten wir mit tollen Frauen, die eher nebenberuflich als Bloggerin und Model unterwegs sind, mit denen sich unsere Kundin jedoch von Anfang an identifizieren kann. Wir erzählen in Wort und Bild Geschichten, die die Endverbraucherin erlebt hat, stets mit einem Augenzwinkern.

Die Kollektion ist auf diese Community abgestimmt. Sie basiert auf Key Looks. Jedes Teil hat
Potenzial, ein Lieblingsteil zu werden. Modische Highlights prägen den Look. Qualität ist
unsere Herzensangelegenheit und Modernität und Femininität werden perfekt vereint. Das
erwartet unsere Kundin! Unsere Materialien vereinen einen emotionalen und physischen
Komfort. Fundamental ist das Spiel zwischen, glatten, strukturierten, texturierten, leichten
und schweren, glänzenden und matten Materialien. Trans-saisonale Qualitäten ermöglichen
die Tragbarkeit über die Saison hinaus. Performance und Femininität greifen harmonisch
ineinander. Alle Materialien unterliegen anspruchsvollen, nachhaltigen Anforderungen.

RBN: Wann und vor allen Dingen wie wollen Sie in den Verkauf starten?

Herzig: Wir verstehen uns als verlässlicher Partner des Fachhandels. Weil wir nicht das Ziel haben, innerhalb kürzester Zeit schnell groß zu werden. Wir müssen keine verrückten Sachen
machen. Wir suchen Partner und Freunde, keine Kunden. Wir stehen zu unserer
Verantwortung und teilen uns Risiken mit unseren Partnern. Wir starten gesteuert, sowohl
digital, als auch stationär im klassischen Fachhandel ab Oktober diesen Jahres.

RBN: Herr Herzig, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Helmut Lippl

Zur Person: Jens Herzig ist Gründer und Managing Partner von lovely sisters. Viele kennen ihn  als Geschäftsführer von comma oder der Gerry Weber International AG.

 

Beitragsfoto: Jens Herzig. Foto: lovely sisters