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26.10.2020

In Teil II unseres Beitrags beschäftigen wir uns mit den derzeitigen Herausforderungen für Hersteller und Händler von hochwertigen Schaufensterfiguren und lassen dabei wieder eine Reihe namhafter Experten zu Wort kommen.

 

Unternehmen, die Schaufensterfiguren herstellen oder vertreiben, befinden sich aktuell in einer Situation, die alles andere als einfach ist. Ganz abgesehen von den massiven Auswirkungen der Corona-Krise auf den Einzelhandel, nimmt der Wettbewerb innerhalb der Figurenbranche seit Jahren kontinuierlich zu. Kunden suchen nach qualitativ hochwertigen Produkten zu erschwinglichen Preisen und streben dabei mittlerweile vermehrt nachhaltigere Lösungen an. Wie schwierig es teilweise ist, diese anspruchsvolle Mixtur an Kundenbedürfnissen zu befriedigen, weiß Genesis Display CEO Andreas Gesswein: „Leider sind nur wenige Kunden bereit, höhere Kosten für eine nachhaltigere Lösung zu bezahlen. Dieser Problematik müssen wir uns tatsächlich immer wieder stellen.“ Dabei versucht der erfahrene Mannequin-Experte seinen Kunden eines klar zu machen: „Wenn ein Produkt günstig angeboten werden kann, bedeutet das nicht, dass es weniger kostet, sondern, dass jemand anderes den Preis dafür bezahlt. Faire Qualität ist nicht zu teuer, andere Anbieter sind schlichtweg zu günstig. Dumpingpreise sind nicht möglich, ohne dass die Menschen und die Umwelt darunter leiden müssen.“

Während der EuroShop 2020 in Düsseldorf hat das niedersächsische Unternehmen Genesis Display beispielweise eine vollkommen plastikfreie Verpackung für Schaufensterfiguren vorgestellt. „Bedauerlicherweise ist der Preis für diese Verpackung ´noch´ etwas höher als der Preis für die Verpackung mit Plastikelementen. Dabei würde auch hier die Regel gelten: wenn alle auf plastikfrei umstellen würden, könnten wir bessere Preise erzielen“, ist sich Andreas Gesswein sicher.

Hochwertige Mannequins für langfristigen Einsatz

IRW Bereichsleiter Tristan Arbter sieht das ähnlich: „Unsere Kunden sind mit der Problematik konfrontiert, nachhaltige Produkte zu wirtschaftlichen Preisen zu beschaffen. Daher ist es für uns wichtig, unseren Kunden zu zeigen, dass ökologische Nachhaltigkeit auch ökonomisch nachhaltig sein kann […] Unsere Mannequins sind zu 100 Prozent recycelbar und erfüllen dabei alle Anforderungen für einen langen Einsatz.“

Laut Guido und Andrea Bonaveri, den Söhnen von Firmengründer Romano Bonaveri, besteht die größte Herausforderung aktuell tatsächlich darin, hohe Standards in Bezug auf Qualität, Ästhetik und technische Leistung beizubehalten und gleichzeitig wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu bleiben. „Dies impliziert eine ständige Suche nach neuen Materialien, die für die verschiedenen Formgebungstechniken geeignet sind, die in Abhängigkeit von den Mengen ausgewählt werden. Immer häufiger werden wir aufgefordert, maßgeschneiderte Produkte herzustellen, die in der Regel in kleinen Mengen geliefert werden. Es ist wichtig, sie in nachhaltigen Materialien, aber mit kostengünstigen Produktionstechniken liefern zu können.“ Darüber hinaus, so erklären die Brüder, habe der Gesundheitsnotstand um Covid-19 den Modemarkt ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen, und deshalb sei es umso wichtiger, vielseitig zu sein und weiterhin wertvolle Produkte anzubieten, die für eine lange Lebensdauer ausgelegt seien.

Die Bedeutung eines langfristigen Einsatzes von Schaufensterfiguren hebt auch Thomas Wimmer, Managing Director Sales Marketing bei Wissler Mannequins hervor: „Der beste Umweltschutz ist die Abkehr vom Wegwerfprodukt. Deshalb hat Wissler, auch als Reaktion auf die Herausforderungen der Krise, ein Restaurierungs- und Mietprogramm ins Leben gerufen. Gebrauchte und abgenützte Produkte können in unserer eigenen Werkstatt überarbeitet werden. Im Mietprogramm unterscheiden wir zwischen Langzeit- und Kurzzeitmiete. Ein umfangreicher Pool an Figuren verschiedenster Stellungen bietet unseren Kunden die Möglichkeit eines temporären Einsatzes, ohne die Figuren käuflich erwerben zu müssen.“

Nach Meinung von Nico Bonami ist und bleibt der Preis für viele Kunden ein wichtiger Faktor: „Wir möchten in eine bessere Zukunft und einen besseren Planeten investieren und deshalb bieten wir unser Produkt zu einem wettbewerbsfähigen Preis an.“ Der Gründer und Inhaber des Figurenunternehmens Bonami erklärt jedoch auch, das Bewusstsein für Nachhaltigkeit habe, gerade während der Corona-Krise, noch einmal zugenommen und nennt konkrete Zahlen: „88 Prozent der Kunden geben mittlerweile an, das Thema habe für sie große Bedeutung, im Vergleich zu 79 Prozent vor Covid19. […] Eine steigende Zahl von Menschen ist bereit, ihr Konsumverhalten zu verändern. Wir wissen, dass wir Verantwortung übernehmen müssen und dass Nachhaltigkeit zur ´neuen Normalität´ innerhalb der Fashion-Industrie werden wird.“

Mit welchen Auswirkungen durch Corona die Figuren-Branche und die gesamte Wirtschaft letztliche belastet werden wird, lässt sich nach Meinung von Holger Kressin, Inhaber der Vertriebsfirma Ästhetik & Design the Mannequin House, „derzeit noch gar nicht abschätzen“. Für den Anbieter von hochwertigen italienischen Schaufensterfiguren ist jedoch klar: „Die Herausforderungen für den nach der Krise noch verbliebenen stationären Handel werden darin bestehen, dem Kunden ein kuratiertes Waren- und Einkaufserlebnis zu bieten, das so nicht im Internet zu bekommen ist und dazu gehört auch eine individuelle, spannende Warenpräsentation.“

Das Problem mit „Greenwashing“

Sorge bereitet Holger Kressin auch das in der gesamten Fashion- und VM-Industrie, seiner Ansicht nach, weit verbreitete Thema „Greenwashing“. Er warnt: „Was nutzt mir ein angeblich ´grüner´ Grundstoff, wenn die Figuren von einem Subunternehmer auf den Philippinen oder in Bangladesch gefertigt werden, wo weder die Arbeitsbedingungen vor Ort, noch die Abfallentsorgung, die medizinische Versorgung, der Transport und viele Dinge mehr bewertet oder kontrolliert werden können. Hier werden leider noch immer viel zu oft die Augen verschlossen und lediglich günstige Preise in den Vordergrund gerückt. Made in Europe mit wirklichen nachhaltigen Produkten ist nicht zum Dumping Preis zu bekommen.“

Ein Problem, das man auch bei Bonami Mannequins in der Vergangenheit erkannt hat: „Prinzipiell liegt es uns fern, über Mitbewerber zu urteilen, aber leider ist es so, dass sich auch in unserer Branche tatsächlich eine Menge ´Greenwashing´ feststellen lässt. Ich bedaure das wirklich sehr und würde mir wünschen, mehr Firmen würden unserer Vision eines zu 100 Prozent recycelbaren Mannequins folgen“, so der Firmeninhaber Nico Bonami. Laut Tristan Arbter von IRW zeichnet sich „Greenwashing“ meist durch eine oberflächliche und intransparente Nachhaltigkeitsstrategie aus, die bei näherer Betrachtung das Wort „Grün“ schlichtweg nicht verdient: „Wenn man in Asien aus Fiberglas produzieren lässt, sollte man diesen Begriff mit Vorsicht verwenden.“

Ohnehin scheint es, als habe Covid19 bzw. die daraus resultierenden Maßnahmen, den Wettbewerb innerhalb des Figurenmarktes noch einmal zusätzlich verschärft: „Manchmal machen verzweifelte Zulieferer Aussagen, die nicht wahr sind, um die Nachfrage zu steigern und konkurrenzfähig zu bleiben“, analysiert Genesis Display CEO Andreas Gesswein und bilanziert: „Solche Fälle sind natürlich unfair, wenn Kunden dadurch in gutem Glauben in die falsche Richtung gehen. Und es ist auch bitter für uns, da wir das sensible Thema Nachhaltigkeit transparent und authentisch kommunizieren. Aber Trittbrettfahrer wird es wohl immer geben.“

 

Beitragsbild: Bonami Mannequins

Helmut Lippl