03.09.2020
Im Rahmen seiner Jahrespressekonferenz fordert das Forum Fairer Handel (FFH) einen fairen Neustart nach der Covid-19-Krise. „In einem ’normalen‘ Jubiläumsjahr wären die positiven Umsatzzahlen des Fairen Handels in Deutschland ein Grund zur Freude gewesen“, erklärt Matthias Fiedler, Geschäftsführer des Forum Fairer Handel. „Doch die Prognose für 2020 gibt uns Anlass zur Sorge und offenbart einen grundlegenden Missstand im Welthandel: Unternehmen, die sich solidarisch mit ihren Partnern zeigen und Menschen und Umwelt generell über den Profit stellen, haben im bestehenden Wirtschaftssystem das Nachsehen“, kritisiert Fiedler.

Fairer Handel in 2019 weiterhin „im Aufwind“

Im Geschäftsjahr 2019 gaben die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland 1,85 Milliarden Euro für Produkte aus Fairem Handel aus. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Zuwachs von 9 %. Innerhalb der letzten sieben Jahre hat sich der Umsatz im Fairen Handel fast verdreifacht.
„Vor dem Hintergrund des 50-jährigen Bestehens der Fair-Handels-Bewegung in Deutschland freuen wir uns besonders darüber, dass die ‚Pioniere‘ des Fairen Handels, die Weltläden und Weltgruppen sowie die Fair-Handels-Unternehmen ein gutes Umsatzplus aufweisen“, erklärt Matthias Fiedler. Die anerkannten Fair-Handels-Unternehmen vertrieben im vergangenen Jahr fair gehandelte Waren im Wert von 226 Millionen Euro (+ 8 %). In den Weltläden, den Fachgeschäften des Fairen Handels, wurden Waren im Wert von 83 Millionen Euro verkauft (+ 6 %). Wie auch in den Vorjahren wurde der größte Teil des Umsatzes mit Fairtrade-gesiegelten Produkten generiert (1,49 Milliarden, + 9,7 %).

Fairer Handel in Zeiten von Corona

Auch die Akteure des Fairen Handels agieren im bestehenden Wirtschaftssystem und unterliegen dabei Wettbewerbsnachteilen, weil sie viel in die Unterstützung ihrer Handelspartner investieren. Während große konventionelle Handelsunternehmen Aufträge stornieren, steht der Faire Handel weiterhin zu seinen Zusagen, finanziert seine Lieferungen vor und unterstützt seine Handelspartner auf vielfältige Weise – sei es durch Solidaritäts- und Spendenaktionen oder mit ganz konkreten Hilfeleistungen an Handelspartner. FFH-Vorstandsvorsitzende Andrea Fütterer bringt den Unterschied auf den Punkt: „Fair-Handels-Unternehmen wollen die Krise gemeinsam mit ihren Handelspartnern überstehen, nicht auf deren Kosten.“ Von der Politik fordert sie, dass solche zukunftstauglichen und dem Gemeinwohl verpflichteten Handelspraktiken zur Leitlinie einer neuen Handelspolitik nach Covid-19 gemacht werden.

Prognose für das Krisenjahr 2020

Aufgrund der Schließung vieler Weltläden im Frühjahr, voraussichtlicher steigender Lieferkosten sowie Transportschwierigkeiten aus dem Globalen Süden, wird es im Geschäftsjahr 2020 in vielen Bereichen zu Umsatzeinbußen kommen. Obwohl sich die Lage im Lebensmittelbereich im Juni und Juli etwas entspannt hat, bleibt die Situation trotzdem prekär. Vor allem im Bereich Handwerk sind die Prognosen deutlich schlechter. Hier werden Einbußen von 10 bis 20 % befürchtet.

Fairer Neustart nach Covid-19

„Wir brauchen ein System, in dem die Differenzierung zwischen ‚fairem‘ und ‚konventionellem‘ Handel obsolet wird, weil ein nach ökologischen und sozialen Kriterien ausgerichteter Fairer Handel der Standard geworden ist“, erklärt Matthias Fiedler. Ein starkes Lieferkettengesetz und das Verbot von unfairen Handelspraktiken wären wichtige erste Schritte zu einer Handelspolitik, die den Menschen und die Natur in den Vordergrund stellt und sich damit als zukunftsfähig erweist.

 

Quelle: Forum Fairer Handel
Foto: PK / Bildmotiv: Weltladen in Passau