Andreas Gesswein: „Der textile Handel wird sich umstellen müssen“

EuroShop-Auftritt von Genesis Display

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Ein RBN-Gespräch mit Andreas Gesswein, CEO Genesis Display GmbH, über die Corona Pandemie sowie den diesjährigen EuroShop-Auftritt seiner Firma.

 

Portraitfoto Andreas Gesswein

Andreas Gesswein

RBN: Herr Gesswein, die Corona-Pandemie hat die Weltwirtschaft in einen Schockzustand versetzt. Wie haben Sie den Lockdown erlebt?

Andreas Gesswein: Das alles ist noch gar nicht vorbei. Ich denke, dass wir die wahren Auswirkungen erst ab September/Oktober und in der Zeit danach verspüren werden, da jetzt erst der Anfang der Auswirkungen an die Oberfläche kommt. Wir haben uns bei Genesis Display sofort und soweit wie möglich vorbereitet und agiert. Wir sind für unsere Kunden in diesen außergewöhnlichen Zeiten genau wie vorher erreichbar und es ist gerade jetzt auch wichtiger denn je in Verbindung zu bleiben.

 

RBN: Der stationäre Handel steckt ja nicht erst seit der Corona-Pandemie in einer tiefen Krise. Die Corona-Krise verschärft den Unterschied zwischen denen, die online erfolgreich sind, und jenen, die es nicht sind. Einzelhandels- und E-Commerce-Experte Prof. Gerrit Heinemann sagt: „Für die kleinen lokalen Händler in der Innenstadt ohne Onlineshop sieht es düster aus.“ Stimmen Sie seiner Annahme zu und wie wird bzw. soll sich der stationäre Handel in Ihren Augen entwickeln?

Gesswein: Die derzeitige Krise ist nicht zu verwechseln mit einer bereits begonnenen Marktbereinigung, die seit 2017 insbesondere den textilen Einzelhandel betroffen hat. Es war und ist einfach zu viel Verkaufsfläche im Verhältnis zur Kaufkraft vorhanden. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Man kann nicht generell sagen, dass Online-Konzepte für jeden Einzelhändler ein Erfolgskonzept bedeuten. Ich sehe das eher differenzierter. Aber die lokalen Händler haben mit Sicherheit eine Chance, wenn sie ihre Kunden auf der emotionalen Ebene erreichen und genau das machen, was online halt nicht möglich ist.

Sicherlich liegt der Erfolg jedoch vor allem bei den Konzepten, die sowohl online als auch offline miteinander verbinden, aber den Zeitgeist und die Wandlung des Marktes erkennen. Denn eines ist sicher: es wird nichts wieder so werden, wie es vor Corona einmal war. Zusätzlich hat sich die globale Situation enorm verändert. Wir haben viele Bewegungen und Neuausrichtungen, die auch den stationären und den Online-Handel enorm beeinflussen. Wer die Bedürfnisse erkennt und online sowie offline Kunden erreicht, ist der Gewinner, keine Frage. Der textile Einzelhandel wird sich jedoch komplett umstellen müssen.

 

RBN: Wie optimistisch blicken Sie in die Zukunft?

Gesswein: Ich habe eine optimistische Grundeinstellung, ob Corona oder nicht. Man darf jedoch die Zeichen der Zeit nicht verkennen und muss die Chancen und Möglichkeiten nutzen. Wir sind alle aufgefordert umzudenken und müssen vielleicht auch wieder den Boden unter den Füßen mehr zu schätzen wissen. Allerdings sehe ich für die Zukunft natürlich auch große Möglichkeiten, denn Visual Merchandising kann mithilfe von digitaler Technik zu äußerst überraschenden, positiven Ergebnissen führen.

 

RBN: Apropos Optimismus: Im Februar dieses Jahres, kurz vor dem Lockdown, hat in Düsseldorf noch die EuroShop stattgefunden. Genesis Display war mit einem sehr beeindruckenden Messestand dort vertreten. Wie bewerten Sie Ihren diesjährigen EuroShop-Auftritt?

Gesswein: Im Grunde genommen haben wir viel Glück gehabt, denn gleichzeitig zur EuroShop wurde die weltweit größte Mobilfunkmesse in Barcelona mitten im Aufbau wegen COVID-19 abgebrochen. Ich denke eine Woche später hätte es die EuroShop auch erwischt. Wir hatten eine sehr erfolgreiche Messe, obgleich vielen Großkunden ein Messebesuchsverbot ausgesprochen wurde, um ihre Mitarbeiter zu schützen.

 

Besucherin auf dem EuroShop Stand von GenesisDisplay fotografiert mit ihrem Smartphone eine Schaufensterfigur

Besucherin auf dem EuroShop-Stand von Genesis Display.

RBN: Wie haben die Messebesucher Ihren Messeauftritt bewertet, welche Reaktionen gab es?

Gesswein: Unser Messeauftritt wurde sehr, sehr positiv aufgenommen. Viele Besucher sprechen uns heute noch aus den unterschiedlichsten Richtungen darauf an. Insbesondere die großen Modemarken und Brands sowie kreative Designer haben unser Konzept und unsere Inszenierung verstanden.

 

RBN: Wer hatte die bahnbrechende Idee zu Ihrem überaus innovativen Messestand?

Gesswein: Genesis Display ist schon immer ein Teamplayer gewesen und das Konzept zur Messe war ein Puzzle aus Ideen und Möglichkeiten. In Zusammenarbeit mit unserem langjährigen Team ist dieses Konzept entstanden. So überraschte Sayonara Visual Concepts während unserer Brainstorming Sessions mit sprühenden Ideen, die dann in Zusammenarbeit mit dem Genesis Display Team, dem Architekturbüro Ulf Treptow und dem Messebauer Boom! entstanden und auch umgesetzt wurden. Die Musik während der Messe wurde speziell für unseren Stand gemixt und die Farbgebung des Konzeptes entstand auch in Kooperation mit dem Künstler Matthias Köster.

Gesamtansicht des Messestands von GenesisDisplay auf der EuroShop 2020

Genesis Display Messestand auf der EuroShop 2020

Wir waren bereits ein Jahr vor Messebeginn so gut wie fertig mit dem Konzept, sodass die schwierige technische Umsetzung im Vorfeld geprobt werden konnte. Wichtig war für uns jedoch, auch die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie unser Produkt, verkaufsfördernde Schaufensterfiguren, im Fashion Business eingesetzt werden können.

Ebenfalls war wichtig, über den Tellerrand zu schauen und auch „Crazy Ideas“ mit einzubauen. Das hat die Besucher inspiriert. Durch die positive Gestaltung sind eben auch positive Reaktionen entstanden. Das gesamte Team war bereits vor dem Aufbau bis hin zum Abbau und der Nachbereitung sehr motiviert, hatte viel Spaß bei der Umsetzung und konnte auch als Team erlebt werden. So ist unser Unternehmen Genesis Display. Da ist alles echt und real.

 

RBN: Ziel war es für Genesis Display, die EuroShop-Besucher aus dem Alltag zu entführen und sie zu ermutigen, den aktuellen Entwicklungen im stationären Handel mit Fantasie, Kreativität und Positivität zu begegnen, heißt es aus Ihrem Haus. Glauben Sie, dass Ihr Postulat in den nächsten Monaten noch gilt?

Gesswein: Ja gerade jetzt sind solche Aussagen wichtiger denn je, denn es gibt nicht den Weg zurück zur Normalität. Wie schon erwähnt, müssen neue Wege gegangen werden und der Kunde hat, egal was im Handel verkauft wird, durch die digitalen Möglichkeiten eine enorm breite Tastatur, um die gewünschte Ware zu dem gewünschten Preis zu bekommen. Umso wichtiger wird es eben für Visual Merchandiser sowie für die ganze Zuliefer-Industrie der Verkaufsförderung, sich darauf einzustellen und Dinge umzusetzen, die nicht so einfach am Bildschirm zu erfühlen, zu erleben oder zu erfahren sind.

Zudem wird man sich auf den Marktplatz besinnen, der neben dem Verkauf der Produkte auch viele andere emotional wichtigen Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen muss. Die digitalen Möglichkeiten spielen dabei jetzt schon eine Rolle und werden eine noch größere Gewichtung finden. Das kompensiert zum Teil auch die Kosten, die für einen besseren, differenzierteren Marktauftritt notwendig sind. Vielleicht kann man auch sagen, dass wir verantwortlich sind dafür, die Lust des Kaufens zu erwecken? Da ist die visuelle Gestaltung, egal ob digital oder analog, vielleicht eines der besten Mittel.

 

RBN: Noch ein Wort zur Situation der Messeveranstalter: Sie sind im Messebeirat der EuroShop in Düsseldorf. Wie gehen die Messeverantwortlichen mit der Krise um?

Gesswein: Zunächst einmal muss die Messe den Schutz der Besucher und Aussteller in den Vordergrund stellen, da aber so gut wie alle Messen abgesagt sind, gilt es jetzt umso mehr, neue Konzepte zu entwickeln, wie die Messen der Zukunft aussehen könnten. Derzeit gibt es da viele Bewegungen. Zum Beispiel überrascht mich die Entscheidung, einen Teil der Mode von Berlin nach Frankfurt zu holen! Auf der anderen Seite habe ich gerade ein Statement abgegeben, dass eine Fachmesse Qualitäten hat, die in der normalen Kommunikation mit dem Kunden nicht möglich sind.

Zusätzlich ist eine Messe auch wichtiger Prüfstand im Wettbewerb, um Innovation, Leistung, Qualität und Brand-Darstellung aufzuzeigen und das im direkten Vergleich. Das ist nur online oder nur digital nicht möglich. Allerdings müssen sich auch die Messeorganisationen neue Konzepte überlegen und vielleicht auf Masse und Größe verzichten, zugunsten von Qualität und Klasse. Auch hier gilt es, die Wertigkeit der Aussteller und Besucher in den Vordergrund zu stellen.

 

RBN: Wie sehen die Messeveranstaltungen nach der Krise aus? Gibt es hier schon Szenarien, wie es weitergehen könnte, auch mit der EuroShop?

Gesswein: Wegen COVID-19 wurde auch die diesjährige Messebeiratssitzung nach hinten verschoben. Natürlich werden wir hier bei der anstehen Sitzung das Thema explizit und detailliert besprechen. Definitiv ist eine EuroShop unersetzbar! Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese weltweit wichtigste Messe für unseren Bereich ersetzt werden könnte.

 

RBN: Herr Gesswein, vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview: Helmut Lippl

Fotos: Genesis Display